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Das Material einer Lernwerkstatt
 

Das Material

bildet den Hauptschwerpunkt in einer Lernwerkstatt. Alle in einer Lernwerkstatt vorhandenen Materialien sind als Lernmaterialien zu betrachten. Es gibt den Kindern gezielt die Möglichkeit, Strukturen des eigenen Lernens zu entwickeln, indem die ausgewählten Lernmaterialien vom Schwierigkeitsgrad aufeinander aufbauen. Somit ist gewährleistet, dass Kinder

ihrem Alter, ihrem Entwicklungsstand und ihrem Lerntempo

entsprechend handeln und lernen können. Hierbei wird deutlich, dass die Auswahl der Materialien von entscheidender Bedeutung ist. Die Entwicklungsbegleiter in einer Lernwerkstatt müssen zunächst entscheiden, für welche Altersgruppe die Lernwerkstatt zugänglich ist. Diese Entscheidung ist grundlegend für den Erfolg einer Lernwerkstatt als Bildungsbereich. Hierbei kommt es auf die Struktur des Hauses, die Räumlichkeiten und die zur Verfügung stehenden Materialien an. Soll eine Lernwerkstatt für Kinder von drei bis sechs Jahren eingerichtet werden, muss die Materialauswahl in den verschiedenen Themenbereichen für alle Kinder, gleich ihrem Alter, ihrem Entwicklungsstand oder ihrem Lerntempo entsprechend gewählt sein, um eine auf intrinsische Motivation beruhende, individuelle Bildung für jedes Kind zu ermöglichen.

Das Lernen lernen

ist das herausragende Ziel einer Lernwerkstatt - Umgebung mit ausgewählten Materialien. Die Materialien verfolgen eine aufeinander aufbauende Ordnung, die dem Kind hilft Strukturen zu entschlüsseln und einen eigenen Lernweg zu finden. Das Material bietet dem Kind Handlungs(planungs)strategien, die es ihm ermöglichen, Schritt für Schritt das Gelernte zu wiederholen, zu verinnerlichen und zu automatisieren. Es befähigt das Kind einzelne Handlungsfolgen nach zu vollziehen und zu verstehen.

Die Fehlerkontrolle des Materials

ist somit ein wichtiger Bestandteil des Materials. Sie beinhaltet das ganzheitliche Lernen und die Richtigkeit der Gesetzmäßigkeiten. Die Fehlerkontrolle des Materials bewertet den Fehler nicht, sondern gibt dem Kind die Möglichkeit dem richtigen Lösungsweg zu folgen. Hierbei werden die Kompetenzen des Kindes weiterentwickelt und seine kognitiven Fähigkeiten ausgebaut. Es erlebt spielerisch, den richtigen Lösungsweg und vertraut mehr und mehr auf seine eigenen Fähigkeiten Problemlösungssrategien selbstständig zu entwickeln, ohne auf andere (Erwachsene) angewiesen zu sein. Kinder entwickeln sich somit zu selbstbewußten Persönlichkeiten, die in der Lage sind, ihr Lernen und Handeln selbst zu organisieren.

Beispiel

 

Auf diesem Bild sind sechs Muscheln unterschiedlicher Größe zu sehen. In jeder Muschel steckt eine farbige Zahl (Ziffer) von 1-6.

 

 

 

1= gelb
2= dunkelblau
3= orange
4= hellblau
5= grün
6= rot

 

Auf der Rückseite der farbig markierten Zahlen ist das jeweilige Würfelbild zu sehen, wie von handelsüblichen Würfeln bekannt. Also Punkte von eins bis sechs.

 

 


eine gelbe
zwei dunkelblaue
drei orange
vier hellblaue
fünf grüne
sechs rote

Hinzu kommen verschiedene Pinzetten und den Farben der Zahlen entsprechend viele Perlen in der runden Box.

Ganzheitliches Lernen und Fehlerkontrolle des Materials

beinhaltet das Lernen über die Sinne (Wahrnehmung), über die Bewegung (Motorik) und über die Gefühle (Emotionen). Hinzu kommen die Anknüpfungs- und Wiederholungsmöglichkeiten. Das dargestellte Beispiel zeigt ein Material aus dem Themenbereich Mathematik. Es ist für alle Altersgruppen ab drei Jahren geeignet, da es das unterschiedliche Entwicklungsalter, das Lerntempo sowie die bereits erworbenen Kompetenzen berücksichtigt. Im folgenden Beispiel werde ich aufzeigen, wie sich verschiedene Alergruppen ganz unterschiedlich und individuell mit diesem Material auseinandersetzen und ihrem Entwicklungsalter entsprechende Lernerfahrungen machen.

Kinder mit...
...3 Jahren

nutzen das Material, um Materialerfahrungen zu sammeln. Begünstigt wird dies dadurch, das die Muscheln ein reines Naturmaterial sind. Sensomotorische Fertigkeiten werden trainiert, indem die Kinder die Perlen greifen (erlernen verschiedener Griffarten) und sensorische Erfahrungen mit den Materialien machen.

...4 Jahren

nach den vorangegangenen Erfahrungen entstehen erste Zuordnungsprozesse. Kognitive Prozesse werden forciert, indem die Kinder Farben zuordnen und wiedererkennen. Erste Serien werden gelegt (Seriation). Die Pinzetten können differenzierter benutzt werden (Motorik + Werkzeuggebrauch) und erste Perlen werden mit dem Werkzeug transportiert (Feinmotorik). Erfahrungen mit Mengen werden gemacht: "in die größte Muschel passen mehr Perlen als in die kleinste".

...5 Jahren

der Zusammenhang zwischen den farbigen Zahlen und den farbigen Perlen entsteht allmählich. Die Punktezahl auf der Rückseite der Zahlen ermöglicht das Zählen und das Entstehen von Zusammenhängen zwischen Menge, Zahl und Farbe. Alles in Kombination mit sensomotorischen Erfahrungen und Emotionen (Aktivation und Motivation).

...6 Jahren

Die Fehlerkontrolle wird verstanden. Der immerwährende Zusammenhang zwischen der Punktezahl auf der Rückseite und der dazugehörigen Ziffer wird be-griffen. Wenn alle Perlen korrekt den Muscheln zugeordnet sind, bleibt keine Perle übrig. Alle sind aufgebraucht. Somit besteht im nachzählbaren Zahlenbegriff eine rote 6 aus sechs roten Perlen. Zur Kontrolle hat das Kind die nachzählbaren Punkte auf der Rückseite der geschriebenen Ziffer sechs. Ein Zusammenhang und das Verständnis über die Menge Sechs und der geschrieben Ziffer sechs entsteht somit aus intrinsischer Motivation.

Dieses Beispiel soll einen Überblick darüber vermitteln, wie unterschiedlich die Kinder mit verschieden Materialien umgehen und wie differenziert der Lerneffekt für jedes einzelne Kind zu betrachten ist. Hierbei kommt es nicht auf das Alter des Kindes an, sondern auf die Motivation und den jeweiligen Interessens- und Entwicklungsstandes jedes Kindes. Auch ein sechs jähriges Kind kann Freude daran haben, herauszufinden, wieviele Perlen in die größte Muschel passen. Hierbei macht es seine eigenen Lernerfahrungen (Schulung der Feinmotorik, Zählen, Polarisation der Aufmerksamkeit, Konzentration u.a.). Wichtig hierbei ist, dass das Kind ins Handeln gerät und somit in die Ausdauer und Konzentration (kognitive Prozesse). Diese sind die Grundpfeiler für das weitere Lernen.

Fehlerkontrolle

Abschließend ist nach jeder Lernwerkstatteinheit darauf zu achten, dass alle Perlen vorhanden sind, damit die Fehlerkontrolle des Materials ihren Zweck erfüllt.
Sollten statt der sechs roten Perlen nur noch fünf vorhanden sein (weil eine verloren gegangen ist), lernt das Kind dabei, dass die rote Ziffer sechs gleich "FÜNF" bedeutet. Das schafft keine selbsterklärende Lernumgebung und ist nicht das Ziel der vorbereiteten Umgebung.